VERA LEUTLOFF

Nordlicht

Vera Leutloff hat ihrer Einzelausstellung im Osthaus Museum den Titel „Nordlicht“ vorangestellt.

Das Nordlicht ist das nördliche Polarlicht, wissenschaftlich „Aurora borealis“ genannt, ein Lichtschweif von ungeheurer farblicher Intensität, der als Wetterphänomen in einer breiten Farbskala von grün, blau bis rot auftreten kann und am häufigsten in den nördlichsten Breitengraden wahrzunehmen ist. „Nordlicht“ löst bei dem Besucher dieser Ausstellung bereits eine Assoziationskette im Kopf aus, bei der eine künstlerische Auseinandersetzung von starker farbiger Intensität erwartet wird, wobei hier der Eindruck von nordischer und kühler farblicher Wirkung – vielleicht unbewußt – mitschwingt. Dem Titel ist auf der Einladungskarte zu dieser Ausstellung eine Abbildung beigefügt, das Bild „Thicket: Bois“, ein aktuell im Atelier der Künstlerin entstandenes Bild. Es zeigt uns eine Staffelung von Stangen in unterschiedlichen Stärken in einer für das Auge des Betrachters scheinbar unauflöslichen räumlichen Tiefe. Diese Bildtiefe entsteht ausschließlich durch die Proportionen und die Farbigkeit der Komposition, ohne dass hier Perspektive oder andere illusionistische Elemente zu tragen kämen. Die einzelnen Stangen zeigen ineinanderfließende Farbverläufe aus grünen, roten, zartrosafarbenen bis hin zu ganz hellen Bereichen, wobei hier mehrere unterschiedlich farbige Grüntöne die dominante Grundstimmung des Bildes erzeugen. Bei der näheren Betrachtung dieses Bildes wird erkennbar, dass die einzelnen Farbverläufe in jeweils einem Pinselstrich gezogen sind. Durch geschicktes Präparieren des zu malenden Bereichs und durch eine von der Künstlerin in einem langen Schaffensprozeß entwickelten Maltechnik gelingt es ihr, den Übergang der Farben ineinander in einem einzigen malerischen Akt auszuführen und auch die Intensität der farblichen Verläufe zu steuern. Der Doppeltitel „Thicket: Bois“ ist hier eine von der Künstlerin Vera Leutloff mitgegebene Leseanleitung für den Betrachter, die sich auf alle ihre Werke übertragen läßt: der erste Teil des Titels (Thicket: Dickicht) ist eine Interpretationsvorgabe der malerischen Struktur. So finden sich bei anderen Bildern der Künstlerin an dieser Stelle im Titel Begriffe wie „Kreise“ oder „Stangen“ und dann „Verlauf“, „Horizont“ oder „Moment“. Und auch solche wie „Haiku“ oder „Tanka“, die sich auf den Rhythmus japanischer Gedichte beziehen. Sowohl die geometrisch faßbaren Titel, wie auch die metaphorisch gegebenen lösen beim Betrachter eine optische Assoziationskette aus. Der andere Teil des Bildtitels, in diesem Fall „Bois“, schafft wiederum einen farblichen Assoziationsraum. In Vera Leutloffs Oeuvre finden sich weitere Untertitel wie „Jagd“, „Mirage“, „Limonaia“ und eher klangliche wie „Ta“ oder „Dion“. Diese Begriffe lassen Farben und gedankliche Bilder evozieren, die von konkreten Situationen, Landschaften, gefühlten Stimmungen handeln, obwohl in diesem Moment ein eigentlich völlig abstraktes Bild betrachtet wird. Das Zusammenspiel von geometrischer Form, farblicher Wirkung und richtungsweisendem Titel erzeugen unwillkürlich eine eigene Empfindungs- und Erlebniswelt, in die uns die Künstlerin führt, ohne hier didaktisch oder ideologisch zu sein. Der Erlebnisraum ist hier der eines „offenen Bildes“.

Wir haben nun das Bild betrachtet, aber wer ist nun die Künstlerin?

Vera Leutloff, 1962 in Hamburg geboren, ist eine große Einzelgängerin in der aktuellen Kunst. Von 1981 bis 1989 studierte sie an der Kunstakademie Düsseldorf und war dort Meisterschülerin bei Prof. Alfonso Hüppi. 1991 erhielt sie den Villa Romana-Preis, 1992 das Max Ernst-Stipendium in Brühl und 1997 den Bergischen Kunstpreis.

Nach ihrem Studium hat Vera Leutloff schon sehr früh zu dem ihr eigenen Malstil gefunden: verschachtelte, tief in den Raum weisende geometrische Formen wie Röhren und Kreise, in serieller Anordnung wiederkehrende Streifenformationen und schachbrettartig angeordnete farbige Kuben sind ihre unverkennbaren gestalterischen Elemente. Die Bilder sind mit intensiver Präzision und großer Akkuratesse ausgeführt. Die Ausführung ihrer Bilder nimmt Zeit in Anspruch, ihre Bilder können nur langsam und in sich über mehrere Monate hin erstreckenden Zeiträumen wachsen. Der Besuch des Ateliers der Künstlerin Vera Leutloff gibt hier Auskunft über ihre Einstellung zur Kunst. Diametral entgegengesetzt zu etwa dem berühmten, heute konservierten Atelier eines Francis Bacons, dessen Atelier eher aus einer Malerhöhle mit einer unfaßbar großen unordentlichen Anhäufung getrockneter Ölreste, Pinsel, Malmittel bestand, ist das Atelier Vera Leutloffs clean: alle Malutensilien haben ihren angestammten ökonomisch angeordneten Lagerplatz, die Atelierwände sind weiß und zeigen kaum Spuren ihrer eigentlichen Verwendung, der Boden ist neutral grau, die unfertigen Bilder lehnen an der Wand. In dieser räumlichen Klarheit kann die Künstlerin in höchster Konzentration ihre in der Entstehung auf Präzision und absoluter Genauigkeit beruhenden Bildkompositionen anlegen. Die verwendete Farbe entfaltet hier ihre stärkste Wirkung und erfährt keinerlei Ablenkung durch störende Elemente. Hier kommt eine weitere, wichtige künstlerische Strategie ins Spiel, die Vera Leutloff über die Jahre entwickelt hat: Farbe ist bei ihr nicht nur ein beliebiges, nach geschmacklicher Prägung etwa zu verwendendes künstlerisches Material, sondern die einzelne Farbe hat in ihrer künstlerischen Verwendung ihre Historie und sie wird damit auch zu einer Bedeutungsträgerin. An diesem Punkt ist Vera Leutloff nämlich eine Farbarchäologin, die nach Farben, deren Materialimmanenz und ihrem historischen Zusammenhang sucht und hier immer wieder Farben in ihrem Oeuvre verwendet, die aus unserer heutigen Seherfahrung verschwunden sind oder nur selten auftauchen. Es ist in diesem Zusammenhang sehr erstaunlich, dass wir in einer Zeit leben, in der durch die Entwicklung der Chemie bedingt theoretisch alle Farben ständig überall verfügbar sein könnten, wir uns aber damit zufrieden geben, dass wir durch Mehrheitsentscheidungen von Industrie, Produktion, Kunst und Konsumenten vorherrschend genutzte Farben sehen und den eigentlich zur Verfügung stehenden Farbkosmos vernachlässigen. An diesem Punkt setzt Vera Leutloff mit ihrer Kunst an: Atrament, Karmin gebrannt, Aureoline, Grünlack, Medievalgelb, Stil de grain brun, Kobalttürkis sind unter anderem die Farbbezeichnungen, die Vera Leutloff in manchen ihrer Titel verwendet und auch somit zum Ausdruck bringt, das unter den vielen möglichen Farben nur die jeweils eine bestimmte als Essenz ihres Farbempfindens in dem jeweiligen Bild verwendet wird. Zusammen bilden die ausgewählten Farben so einen Farbraum, der wiederum als Essenz von Atmosphäre verstanden werden kann.

Vera Leutloff führt uns die vergessenen Farben wieder vor, die einst die Seherfahrungen unseren Vorfahren darstellten. „Nordlicht“ möge uns Betrachtern den Weg in den wunderbaren Farbkosmos Vera Leutloffs weisen.

Ralph Kleinsimlinghaus

 

Feldforschungen zur Malerei

In einem bestimmten Sinne betreibt die Künstlerin Vera Leutloff mit ihren Gemälden im Medium der Malerei eine Art von Feldforschung. In ihrer mittlerweile über 30jährigen Tätigkeit als Malerin erforscht sie intensiv den Raum des Bildes, dessen Struktur, Tiefe, Proportion und Licht. Der energiedurchdrungene körperliche Einsatz – beispielsweise beim strengen Ziehen der Pinselstriche über das gesamte Bildformat –ist ein unabdingbares Mittel ihrer maltechnischen Handlung. Hierzu gehört es auch, dass Pinsel verschiedenster Breite, auch solche, die eine Hand aufgrund des Gewichts kaum länger als ein paar Minuten halten kann, gebraucht werden, um die bevorzugten Ölfarben aufzutragen. Alle ihre bisherigen Ateliers sind von gleicher Struktur: weiße Wände, fertige wie noch nicht bearbeitete Leinwände nach Größen geordnet an den Wänden, die Farbtuben mit einer künstlerischen Eleganz zurechtgelegt: Räume der Malpraxis Leutloff.

Es fügt sich wunderbar ein, dass Vera Leutloff in Zeiten des Ruhens von ihrer Malerei elektronische Musik komponiert, die ein möglicher akustischer Kommentar zu ihren Bildern sein mag, diese allerdings in keinerlei Weise parallelisiert. Analoge Musikstücke wären fehl am Platz, da ihnen immer ein Hauch Romantik zukommen könnte. Eher ist diese Musik durchdrungen von Strukturen, die in die Tiefe gehen, dort verweilen, sich umschichten, um in einem bestimmten Atemzug sich nach oben zu schwingen. Diese Musik orientiert sich an keinem Leitmotiv, sondern liefert autarke Strukturen, die in Schichtungen ineinander verwoben sind.

In ihren Gemälden setzt sich Vera Leutloff einem anderen Prozess aus. Die Grundlinien ihrer zu realisierenden Komposition – bei den Stangen oder Kreisen etwa – sind gesetzt, der Malprozess selbst ist das eigentliche Spannungsfeld. Denn mit jedem Auftragen einer horizontalen oder vertikalen Fläche oder eines Kreises – sagen wir mit Seegrün – entsteht ein neues farbliches Zusammenwirken innerhalb der Komposition, vor dem es zunächst innezuhalten gilt. Auch wenn in der Planung als Nachbarfarbe ein Crimsonrot vorgesehen war, wird das Farbgefüge noch einmal analysiert, um die jetzt adäquate Farbe zu verwenden. Dieser Befragungsprozess ist bei allen Bildern unterschiedlich intensiv, sicherlich hängt dies auch mit der Größe der Formate zusammen, die bei Vera Leutloff definitiv nicht zufällig verwendet werden:

30 x 35 cm, 70 x 90 cm oder 200 x 200 cm gehören zu den gängigen Formatgrößen, die allerdings durch außergewöhnliche Formate wie 70 x 160 cm durchbrochen werden. Häufig finden wir quadratische Bilder im Atelier von Vera Leutloff. Über die Tiefenwirkung der durchstrukturierten Stangen und Kreise ist oft genug geschrieben worden, daher sei hier ein kleiner Hinweis erlaubt. Im Gegensatz zu den Möglichkeiten, die ein Künstler wie Hans Kotter einsetzt, nämlich digitale Strukturen in dreidimensionaler Anordnung zu inszenieren, um durch die Verwendung von Spiegeln einen quasi unendlichen Raum zu schaffen, arbeitet sich Vera Leutloff bis zu einer malerischen Dichte durch. Das bedeutet, dass der Durchdringungsprozess in ihren tiefenstrukturierten Bildern ein gänzlich anderer ist. Vera Leutloffs Strukturbilder wie die Stangen sind – aus der Nähe betrachtet – dichte Gewebe, die aus unterschiedlichen Elementen zusammengefügt sind. Man sieht beispielsweise bei einem Bild wie Stangen: Verlauf: Arkadien aus dem Jahr 2013 ein halbes Dutzend Stangen, die als solche noch wahrnehmbar sind, alle übrigen Stangenelemente sind durch Überkreuzungen abgeschnitten und dadurch nur rudimentär sichtbar. Radikal erscheinen dann auch die Vielecke, die hier und dort an Schnittpunkten sichtbar werden und keinerlei Hinweis mehr auf die genuinen Stangen geben. Das Gemälde lebt von Elementen, die in ihrer Ursprünglichkeit noch als ganze erlebbar werden, wie auch von ihren Fragmenten. Dies alles wird man bei näherem Sehen ebenso gewahr wie auch die fulminante Pinselführung sichtbar wird, die die malerische Operation zur Anschauung bringt. Viel Licht wird in diesen Bildern transportiert, das macht ihre Dynamik aus. Dieses Gemälde besitzt wie viele andere von Vera Leutloff eine kristalline Struktur, ähnlich den kryptokristallinen Strukturen bestimmter Gesteine. Diese feine Dichte, dieses Farbgewebe ist schon in sich ein malerisches Gedicht.  Aus der Ferne betrachtet, übersieht man geflissentlich die rudimentären Strukturen. Hier herrscht eher die Vorstellung vor, dass Vera Leutloff an einem Bild mit großer Tiefenwirkung gearbeitet hat. Was also ist dann die Realität? Die Nähe oder die Ferne? In diesem positiven Zweifel lässt uns die Künstlerin, die diese großartigen Werke in einer gewissen Radikalität realisiert.

Das Osthaus Museum dankt allen Förderern, die zum Erfolg dieser Ausstellung beigetragen haben. In erster Linie ist Ralph Kleinsimlinghaus zu nennen, der die Künstlerin als Kunsthändler und Berater seit Jahren begleitet. Vera Leutloff, die ihre Ausstellungen präzise plant und immer eine spezifische Choreographie entwickelt, gilt unser größter Dank für eine perfekte Kooperation.

Tayfun Belgin
Direktor Osthaus Museum Hagen

 

Photographie

Was die Wenigsten wussten und diese auch nur, wenn sie mit Vera Leutloff korrespondierten oder den Vorzug erfuhren, von ihr in der Post mal einen Gruß zum Weihnachtsfest oder zum Jahreswechsel vorzufinden: Vera Leutloff malt nicht nur; sie betätigt sich auch als künstlerische Photographin, hat bislang im Verborgenen schon ein nicht unbeachtlich umfangreiches photographisches Oeuvre geschaffen und erweitert dieses kontinuierlich. Soweit ersichtlich wird hier neben ihrer Malerei diesem Aspekt ihres Wirkens erstmalig im Rahmen eines der Künstlerin gewidmeten monographischen Katalogs gesonderte Beachtung geschenkt, nachdem sie jüngst ihre erste Fotoedition publizierte („Crash“, 2018, Edition ARTAX, Düsseldorf).

Ein spannender Moment für die Künstlerin, der grundsätzlich auch von Mut zeugt. Vera Leutloff hat sich im Laufe ihres bisherigen Werdegangs quasi ein Alleinstellungsmerkmal erarbeitet, das sie vor allen, jedenfalls den allermeisten anderen auszeichnet als Malerin mit einem Pinselstrich, der Farbverläufe und Formwechsel in so perfekter Weise auf die Leinwand bannt, dass man kaum glauben mag, der Pinsel sei mit der Hand geführt worden. Dabei sind ihre Bilder nicht etwa dem Hyper-Realismus, sondern vielmehr der freien Malerei verpflichtet. Die Künstlerin schafft es, dem Betrachter die dritte Dimension so zu erschließen, dass dieser sich in das Bild hineingezogen fühlt, ohne auch nur an einer imperfekten Stelle hängen zu bleiben und sich dem Sog entziehen zu können. Dabei hilft Leutloffs Liebe zu außergewöhnlichen, oft titelbildenden Farben, die aus dem Mainstream des auf Umsatz getrimmten Angebots des Künstler-Farbenhandels schon ausgeschieden und dementsprechend andernorts erst wiederzufinden sind und die als Hilfsmittel die Aufmerksamkeit und Neugierde beim Betrachter und die Sogwirkung des Bildes verstärken.

Leutloffs Photographien – und dies liegt schon an der von ihr gewählten Reihenfolge des Going Public: Leinwandbild zu Photobild – müssen sich in jeder Weise an ihrer Malerei messen lassen, wenn das Publikum nun des photographischen Werks gewahr wird. Die Hinzunahme des neuen Mediums vor dem geschilderten Hintergrund rechtfertigt zunächst, diesen Schritt als (äußerlich) mutig zu bezeichnen.

Bei näherem Betrachten der photographischen Arbeiten zeigt sich allerdings, dass Leutloffs Mut nicht der eines Hasardeurs ist. Die Photographien belegen dieselbe Suche nach Perfektion für die Verbildlichung von Farbverläufen, Formwechseln, Farbkompositionen und Dimensionalität, diesmal nicht von Menschenhand, sondern von der Natur angerichtet, vom Künstler entdeckt und phototechnisch gebannt. Das Ziel des künstlerischen Ansatzes ist dasselbe, wie Leutloff es sich in ihrer Malerei gesteckt hat: Das Aufzeigen des technisch perfekten Wegs zur Verbildlichung der Schönheit des Augenblicks, auf der Leinwand selbst angerichtet, in der Fotographie von der Natur geschaffen und vom Künstler wie vorgefunden photographisch festgehalten.

Dies lässt es logisch erscheinen, dass Leutloffs Photographien sich fast gar nicht dem Portrait oder dem Menschen im Straßenbild widmen. Auch ist ihr Gegenstand nicht die serielle Darstellung desselben Sujets über Jahrzehnte. Ebenso wird Leutloff nicht von dem Wunsch heimgesucht, vom Künstler selbst zunächst inszenierte Situationen abzulichten, sondern findet Dinge und fertige Einzelsituationen in ihrer unmittelbaren Umwelt, so wie sie sind, und lichtet sie ab. Leutloff wendet sich ab vom großformatigen Makrokosmos und lenkt den Blick hin zum Detail des Mikrokosmos. So zeichnet die Natur mit Wasserlinsen und gefallenen Blättern auf der Oberfläche eines Tümpels ein perfektes Gemälde: Nichts, was Menschenhand noch verbessern könnte („Lentilles d´eau II“, 2018). Die Marmor-Kugeln, in sich farbig strukturiert, eröffnen einen ästhetisch anspruchsvollen Ausblick in die unendlichen Weiten des Weltraums („Marblespace“, 2015). Der Blick durch ein Wasserglas auf eine Klaviertastatur im Abendlicht evoziert eine anrührende von Erinnerungen getragene Melodie im Kopf des Betrachters („Disco JDXA“, 2019). Photographisch festgehaltene Farbgewitter treten beim Betrachter die Frage los, ob die Zeichnung beim Mischen der Farben auf der Farbpalette im Atelier oder beim Applizieren einer Vanillesoße auf einen Wackelpudding entstand („Crash“, 2018; „Smilodon“, 2018). Die Titel der Photographien grenzen die Phantasie oft nicht ein, sondern lassen Raum, den der Betrachter neugierig und individuell zu füllen vermag. Die Speisenreste auf dem Innenboden eines Kochtopfes halten farbprächtige und detailverliebte Landschaften am Ende eines Kochprozesses fest, die so fesselnd und ästhetisch anmuten, dass sich der Eindruck beim Betrachter verfestigt, das Foto müsse in der Küche eines 3-Sterne-Kochs entstanden sein („Alien“, 2017; „Cooking“, 2017). Die Photographien verblüffen den Betrachter immer wieder. Dieser braucht seine Zeit, um sich zurechtzufinden bei dem Versuch, der Künstlerin zu den Details des Mikrokosmos zu folgen. Jeder dann doch individuelle Erkenntnisgewinn steigert die Hochachtung des Betrachters vor den Fertigkeiten der Künstlerin, die Schönheiten der Natur im Detail zu erkennen und festzuhalten. In dieser Rezeption wird Leutloff zu einer ganz besonderen Spezies der Natur-Photographen.

Leinwand und Photopapier, dort die handgemachte und hier die naturgegebene Perfektion begegnen sich auf Augenhöhe. Die Nutzung unterschiedlicher Medien eröffnet keine Konkurrenz. Mit der Fotographie hat Vera Leutloff sich ein weiteres Medium erschlossen zur Erläuterung ihres Weltbildes. Man ist geneigt, Leutloffs Weg auch als Photographin für verheißungsvoll zu halten.

Burkhard Richter